digitalisierung

Seminar: Digitalisierung, Big Data und Gesellschaftswandel

Für dieses Sommer Semester 2020 war es meine Aufgabe für den Lehrstuhl “Migration, Soziale Ungleichheit und Globalisierungsforschung” ein neues Seminar zu konzipieren. Noch vor Corona begann ich mit der Idee diesesmal meine bisherigen Seminare “Mensch-Technik Interaktion: Wie Technologien unsere Leben prägen” fachlich mit der Digitalisierungsforschung zu erweitern. Als dann plötzlich Corona nicht nur das Unileben sondern die globale Ordnung auf den Kopf stellte, wurde schnell klar, dass das Seminar Digitalisierung, Big Data und Gesellschaftswandel nicht nur ein theoretisches Thema sondern auch Praxis werden wird: online Lehre, auo-ethnographische Reflektionen, und Anwendung neuer digitaler Methoden der Sozialforschung.

Zum ersten Mal findet die gesamte Lehre online statt, und während wir uns in online meetings über Themen der Digitalisierung zuwidmen, lernen Studierende Handwerkzuge der digitalen Ethnographie anzuwenden. Mit 51 TeilnehmerInnen für diesen Kurs haben wir Lehrende teils online moodle Kurse dafür bereitgestellt, teils zoom-meetings angeboten. Die zoom meetings halte ich selbst wöchentlich. Dieser Blog ist durch diese ersten online Lehrerfahrung mitentstanden, um eine Möglichkeit darzulegen digitales Lernen öffentlich für Interessierte zugänglicher zu machen. Außerdem dient der Blog als Reflektionsplattform: was überhaupt digitales Arbeiten, Lernen und Leben auch in Praxis bedeuten und wie es konstruktiv umgesetzt werden kann.

Die Idee des Seminars wurde stark durch das Buch von Stephan Grünewald (2019) Wie tickt Deutschland Psychologie einer aufgewühlten Gesellschaft inspiriert und hat viele Denkanstöße des brandneuen interdisziplinären Bachelor Programm Digital Societies von Maastricht University eingebaut. Das Seminar lädt folgend zu Themen und Fragen über die Gesellschaftsentwicklung ein:

Der Mensch in der heutigen westlichen Gesellschaft lebt im sogenannten digitalen “AppSolutismus” (Grünewald, 2019). Auf der einen Seite gibt es die Verheißung neuer, scheinbar grenzenloser Möglichkeiten wie z.B. die Nutzung von smartphones zur Bewältigung verschiedener menschlicher Bedürfnisse (Partnerschaftssuche, shopping, Zugang zu Foren zu allen möglichen Gesundheitsbeschwerden, Entertainment, etc.) auf der anderen Seite die wachsende Befürchtung vor Kontrolle, Machtverschiebungen und Unsicherheiten bzgl. Digitaliserungsfolgen (z.B. personal data, Big Data). Dieses Seminar setzt sich kritisch mit dem gesellschaftlichen Wandel im Kontext der Digitalisierung auseinander und untersucht anhand von relevanten Konzepten der Science and Technology Studies und der Soziologie inwiefern solch ein Wandel verstanden und eingeschätzt werden kann.

Im Seminar setzen wir uns mit dem Konzept „Digitalisierung“ als eine Technologie auseinander. Wir beleuchten dieses Konzept anhand von drei Lebensbereichen: Gesundheit/Medizin, Arbeitswelt und Zwischenmenschlichkeit. Dazu wird die Methode der „Digitalen Ethnographie“ angelernt und angewandt indem Studierende online Gesundheitsforen, home-office Artikel und dating apps/plattformen recherchieren. Dass Seminar folgt der dreiteiligen Struktur dieser Lebensbereiche.   

Heute werden wir den ersten Lebensbreich Gesundheit abschliessen und uns dem zweiten Teil der digitalen Arbeitswelt zuwidmen.

Leitfragen an denen sich Studierende für heute orientieren sind: Wie stehen aktuelle politische Richtlinien und eigentliche Nutzung (von der Nutzerperspektive) GesundheitsApps gegenüber? Welche Visionen, Nutzungen und Erwartungen stehen sich gegenüber? Welche Formen der Solidarität und Communities entstehen online? Welche Rolle spielt Anonymität mit Bezug auf Privatsphäre und neuen Formen des ‘www-sharing’ des eignen (körplichen und/oder psychischen) Leidens?

Anhand von screenshots bestimmter “health tracking apps” zu Depression/bi-polare Störung oder zu Alzheimer Foren tragen heute Studierende Ihre eigenständige online Recherchergebnisse vor. Und das online während unserer knapp 2 Stündigen zoom-Sitzung. Ich freue mich über den Austausch!

Lektüre:

Gehring, H., Pramann, O., Imhoff, M., & Albrecht, U. V. (2014). Zukunftstrend „Medical Apps “. Bundesgesundheitsblatt-Gesundheitsforschung-Gesundheitsschutz, 57(12), 1402-1410.

Knitza, J., Vossen, D., Geffken, I., Krusche, M., Meyer, M., Sewerin, P., … & Rheumatologen, A. J. (2019). Nutzung von Medizin-Apps und Online-Plattformen unter deutschen Rheumatologen. Zeitschrift für Rheumatologie, 78(9), 839-846.

Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (2016) Ökonomische Bestandsaufnahme und Potenzialanalyse der digitalen Gesundheitswirtschaft. (I C 4 – 80 14 36/01)

Add a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *