RoboArt Sander Maastricht

Roboter in Intensivstation

RoboArt Sander Maastricht

Telemedizin in der Coronakrise ist als Instrument in der tagtäglichen Versorgung Praxis geworden. Laut Berliner Charité Intensivmediziner sei die Robotik ein maßgeblicher Beitrag zum Erfolg der Behandlung von Covid-19 PatientInnen: “Dass Deutschland im Vergleich so glimpflich durch die Coronakirse gekommen ist, liegt für viele Ärzte auch an der Qualität der medizinischen Versorgung. An der Berliner Charité beispielsweise können Intensivmediziner mithilfe eines Roboters auch an Visiten in entfernten Krankenhäusern teilnehmen.” (zum Artikel von Sebastian Engelbrecht hier)

Schon seit Jahren findet die ethische Diskussion statt: sind Roboter eine notwendige Unterstützung oder eine Gefahr in Pflegekontexten?  2010 entwickelte das Frauenhofer Institut in Stuttgart einen Care-o-bot, der in Altenheimen eingesetzt werden sollte. Um die soziale Akzeptanz von Robotern in Pflegekontexten qualitativ zu ermitteln, wurde im Rahmen meiner Abschlussarbeit des Society, Science and Technology Programms an der Universität Maastricht Interviews mit den “intended usern” durchgeführt. Zu den “intended usern” zählten Pflegekräfte, Altenheimbewohner, das Management und  Familienmitglieder. In der Literatur werden Gruppen oft als homogene Gruppe dargestellt, in den Interviews stellte sich schnell heraus, dass Gruppen unter sich heterogen waren, also ganz unterschiedliche Wertvorstellungen hatten, und untereinander großer Dissenz herrschte. Beispielsweise lehnten manche Altenheimbewohner prinzipiell einen Roboter ab, weil sie einer “Maschine kein Vertrauen entgegenbringen können”, “es sei unmenschlich und unwürdig”, andere dagegen befürworteten einen Roboter: “Die eine Schwester ist immer so launig, und da traue ich mich manchmal nicht zu sagen, wenn ich meine Meinung mal ändern möchte. Vor einem Roboter brauch ich mich nicht zu genieren.” Diese unterschiedlichen Erwartungen, Bedürfnisse und Sorgen versuchten die Stuttgarter IngeneurInnen in der Technikentwicklung des Care-o-bots miteinzubinden, z.B. im Design. Der Roboter solle nicht menschenähnlich aussehen sondern eher wie ein riesen Smartphone mit Tablett, um der Sorge entgegenzuwirken, dass der Roboter eine Pflegekraft zu imitieren oder gar zu ersetzen versuche. Kulturelle Unterschiede wurden von den Robotik IngeneurInnen ermittelt und aufgegriffen: in Japan wäre ein “life-like” humanoides Design erwünscht, eben “so menschen- oder tierähnlich wie nur möglich”. 

Letztendlich war die Robotik in den Altenheimen weniger eine technische Herrausforderung sondern eine soziale: “die größte Arbeit war immer wieder zu unterstreichen, dass der Roboter nur ein zusätzliches Instrument zur Unterstützung dienen kann und soll, und nicht da ist um mit Pfegekräften zu rivalisieren oder Ältere ohne menschlichen Kontakt hängen zu lassen. Pflegekräfte müssen unterstützt werden, und der Roboter kann lange nicht vollständige und qualifizierte care-Arbeit leisten, es kann höchstens Wäsche transportieren, Getränke liefern und diskret im Umgang sein.” (Frauenhofer Institut, 2010) Das Management versprach sich gar Prestige und eine verlässliche Unterstützung: “Der Roboter wird nicht krank oder schwanger, es will auch nicht in den Urlaub fahren. Es erledigt notwenige Aufgaben für die Pflegekräfte einfach überqualifiziert sind. So ein high-tech Gerät kann auch ein Magnet für BesuchInnen werden: vielleicht kommen auch Enkelkinder öfter.” Roboter in Pflegekontexten sind trotz positiver Publicity und großen Versprechen lange noch kritisch beäugt. Kritik vor allem, dass der Roboter vielleicht eine Entlastung sein könne, jedoch notwendige Veränderungen im Gesungheitssystem eher unterdrücken würde. Im Kontext des demographischen Wandels, dem Mangel an Pflegekräften und Unterbezahlung, müssen andere und tiefergehende Lösungsansätze gefunden werden, die durch die Robotik alleine nicht umgesetzt werden können.

Zusammenfassend findet seit mehr als 15 Jahren diese Diskussion relativ unverändert statt: Pro- und Kontra Argumente wiederholen sich und hebeln sich gegenseitig aus. Das Versprechen “mehr Zeit für Pfleger” wird entgegnet “diese Zeit wird mit neuen, oft komplexeren Aufgaben, so läuft es seit der Industrialiserung“, das Versprechen “verlässlicher Roboter” wird entgegnet “unerwartete technischen Fehler sind zu riskant im Pflegekontext – no technological fix” , Versprechen “Aufsehen und mehr Besucher im Altersheim” entgegnet Kritik “nur für die, die es sich leisten können, und fördert soziale UngleichheitWie kommt es nun dass Robotik durchweg positiv in den neusten Berichten abschneiden und immer mehr eingesetzt werden?

Die Idee, dass die Technologie ausgereifter sei, ist auch nicht unbedingt ausschlaggebend. Soziale Akzeptanz neu-entstehender Technologien hat mehr mit den Umständen und den gelebten Kontexten zu tun als mit der Technik per se. Die Corona Krise ist solch ein neuer Umstand und hat den gelebte Kontext, der geprägt von Unsicherheiten und Pflegenot ist, maßgeblich zur sozialen Akzeptanz der Roboter beigetragen. Weniger eine genuine Akzeptanz aus der “Liebe zur Robotik” heraus, sonder eher als eine ernüchterte Einsicht, dass Roboter in bestimmten Anwednungsfällen eine wichtige und mittlerweile unabdingliche Stütze sein können. 

Professor Spies, Intensivmedizinerin an der Berliner Klinik, erklärt es so: „Die Mehrheit der Patienten profitiert sehr davon, weil man eben natürlich – wie eine Art Zweitmeinungsverfahren – einen Vorteil hat, wenn ein gemeinsames Gremium drum kümmert und wenn natürlich wie jetzt, wo es so akut ist und Wissen so schnell generiert wird und wo auch Wissen so schnell anzuwenden ist, wenn man das wirklich gemeinsam auch steuern kann.“

Roboter wird in Berlin gesteuert und geht in Havelhöhe mit zur Visite

Im Bericht von Engelbrecht wird der Einsatz so beschrieben: “Auf dem Bildschirm grüßt Fabrizio Esposito, Intensivmediziner im Krankenhaus Havelhöhe, im azurblauen Kittel. Dort erscheint Charité-Arzt Weiß als das Gesicht eines Roboters. Er sieht aus wie eine mannshohe weiße elektrische Zahnbürste, auf der anstelle des Bürstenkopfes ein Bildschirm befestigt ist. Darauf erscheint der Kopf von Björn Weiß. Der navigiert den Roboter von der Charité aus.

– „So, jetzt fahren wir hier ins Zimmer des Patienten rein. Der weiß auch Bescheid, dass wir kommen.“

– „Hallo! Guck mal, wer da ist!“

– „Hallo!“ – „Hallo.“

– „Er weiß Bescheid, dass Sie heute da sind.“

– „Ah wunderbar. Hallo. Guten Tag. Wie geht’s Ihnen heute?“

– „Er hat einen Brustwickel gerade bekommen von Schwester Conny.“

– „Ah, sehr gut.“

– „Hi!“

– „Es geht ihm sehr gut. Er ist entfiebert.“

Björn Weiß sieht auf dem Bildschirm einen älteren Herrn, der fast völlig reglos auf dem Rücken liegt. Er leidet an COVID-19. Seit vier Wochen wird er auf der Intensivstation behandelt, wird immer noch beatmet. Der Patient im fernen Krankenhaus Havelhöhe kann nicht mehr sprechen. Dr. Esposito, seine Schwestern und Pfleger deuten seine Mimik, so gut sie können. Am Ende der Zeit auf der Intensivstation bekommt der Mann Ergo-, Logo-, Musik- und Physiotherapie. Selbst das Schlucken muss er neu lernen.

In 30 Krankenhäusern fahren Roboter mit zu den Patienten

Bei der Visite mit dem Roboter lernen alle: die Spezialisten in der Charité wie auch die Ärzte in den 30 Berliner Krankenhäusern, in denen die Roboter zu den Patienten fahren.

Was definitiv was ganz Neues ist, ist der Anwendungsfall, nämlich Wissenschaft und evidenzbasierte Medizin, also das, was dem Patienten nachweislich nutzt, ans Patientenbett zu bringen, und zwar jeden Tag.

In der Hochphase der Coronainfektionen, berichtet Oberarzt Björn Weiß, machten die Experten bis zu 400 Fernvisiten wöchentlich per Roboter.

„Was wir jetzt nutzen konnten, und das ist das, was einfach auch sehr faszinierend ist, dass wir die Geschwindigkeit der Wissenschaft nachhalten konnten am Krankenbett. Das ist ein Riesenvorteil, den Sie ja sonst nicht leisten können.“ Jeden Tag entstehe während der Coronaepidemie neues Wissen, sagt Professor Spies, die Chef-Intensivmedizinerin der Charité. Dieses Wissen könne man mithilfe des Visitenroboters sofort in allen Kliniken anwenden. Umgekehrt sammeln die Charité-Ärzte in kürzester Zeit eine Fülle an Erfahrungen mit sehr vielen Patienten.

Der Roboter ermögliche den Charité-Experten und den Medizinern in der Peripherie in Pandemiezeiten,  gemeinsam und im Netzwerk zu lernen, sagt die Intensivmedizin-Chefin Spies. „Weil natürlich jeder, wenn er es alleine lernen muss, einfach deutlich länger Zeit braucht als wenn die Gruppe zusammen lernt – auch in so einer akuten Pandemie.

Instrumente wie der Visitenroboter seien es, meint Spies, die der deutschen Medizin in der Pandemie einen Vorsprung verschafft hätten.”

Welche Argumente gegen die Robotik sind noch “nach Carona” überhaupt haltbar? Der Umgang mit Robotik erfordert eine neue gesellschaftliche Einstellung, eine die Roboter weniger als leblosen Sklaven oder Diener sieht, sondern eher als eine wechselseitige Partnerschaft, die es früh zu verstehen und pflegen gilt. Auf lange Sicht gesehen, wird es der Gesellschaft nicht helfen können, soziale und gesellschaftliche Herrausforderungen allein auf die Robotik zu schieben. Tatsächlich aber kann die  Robotik einen erweiterten Blickwinkel auf unsere wandelnden Werte im Bereich Pflege ermöglichen und Fragen über dominierende Klischee’s in Diskussionen (wie z.B. “Ältere sind gegen Roboter ergo Roboter sind in der Pflege unwürdig”, ) kritischer auseinanderzusetzen.

Reflektionen über stattfindende Werte- und Gesellschaftswandel rufen meist zwei Reaktionen hervor: Flucht nach hinten “bewahren wir unsere Werte und schätzen unsere Traditionen” (Konservatismus) oder Flucht nach vorne “springen wir an Board der technologischen Innovationen, Fortschritt bringt Wachstum” (Liberalismus). Beide Lösungsansätze bringen neue Probleme mit sich: der Konservatismus kann schon stattfindende Entwicklungen nicht unterdrücken, die Diversität der Nutzer und die neuen Möglichkeiten der Technologien, mit denen die Gesellschaft konfrontiert wird, erfordert stets eine Antwort, die moralische Konseuqenzen mit sich bringt: z.B. heutzutage ist es schwieriger technologische Errungenschaften wie Impf- und Verhütungsmittel zu verwehren – vor noch 50 Jahren war die gesellschaftliche Einstellung dazu ganz anders: “Wir dürfen nicht Gott spielen und in die Natur eingreifen”. Tatsächlich eröffnet sich die Frage stets erneut: Wo liegen die Grenzen, was ist, kann und darf sozial akzeptabel sein? Wer entscheidet darüber? Die Selbsverständlichkeit mit der wir technologische Errungenschaften betrachten zeigt wie sehr der Konservatismus als Lösungsweg keine nachhaltige Option ist. Gleichzeitig ist der Liberalismus ebenso riskant, denn die Vergangenheit lehrt uns, dass blindes Vertrauen in Technologien nicht nur utopisch naiv ist, sondern auch eine wahre Gefahre sein kann (z.B. der Skanal des Arzneimittels Contergan und schädlichen Langzeitfolgen). Technologien folgen auch nicht dem einfachen “trickle down” Effekt, d.h. sie werden nicht einfach entwickelt und auf die Gesellschaft losgelassen. Vielmehr, was nun ein Lösungsansatz zu sein scheint, ist der Versuch Technologien von der Idee und dem Bedarf in der anfänglichen Entwicklung gesellschaftlich mitabzustimmen (Responsible Innovation, Anticipatory Governance, in Deutschland: Technikfolgenabschätzung). Die Technikfolgenabschätzung trifft Vorhersagen darüber, welche Auswirkungen eine Technologie auf die Gesellschaft haben könnte. Wie das funktioniert und welche Möglichkeiten und Grenzen Technikfolgenabschätzung haben kann man hier weiterlesen.

 Um Notstände wie im Gesundheitsbereich adressieren zu können, müssen nicht nur technische Machbarkeiten eingeschätzt werden, sondern auch soziale Machbarkeiten (Wertvorstellungen und Anwendungskontexte): beide entwickeln sich in einer wechselseitigen, stets wandelnden Beziehung. Diskussionen über gesellschaftliche Werte wurden oft dem “privaten Bereich” überlassen, da sie subjektiv und zu verschieden scheinen. Bei Fallstudien wie der bei der Frauenhofer Care-o-bot wurde aber schnell klar, dass durch Interviews und ‘thick descriptions’ Annahmen über “intended user” oft falsch, veraltet und pauschal waren, und die Gruppe dadurch misrepresentiert. Die Diversität der Meinungen und Werte sind herrausfordernd für IngeneurInnen und RichtlinienschreiberInnen; es sind aber genau diese Einblicke, die es ermöglichen können eine angemessene und verantwortbare Einbettung der Technologien zu erarbeiten (z.B. bei pragmatischen Fragen in welchen Anwendungsbereichen es sinnvoll ist den Roboter einzusetzen, und mit welchen Fähigkeiten der Roboter ausgerüstet sein darf.)  Um die wandelnde Beziehung zwischen neuentstehenden Technologien und Werten verstehen zu können, lehne ich mich an die Worte eines wertgeschätzten Technikphilosophen:

“I’ll describe the relation between technology and morality as a marriage, but without the possibility for divorce. Both partners have no option than to make the best of their relation. This implies that they should be willing to learn from each other, protect each other, and help each other to flourish.” (Swierstra, 2013, p.203)

 

Referenz: Swierstra, T. (2013). Nanotechnology and technomoral change.

 

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