Zoom shot

Digitalisierung in der Arbeitswelt

Nachdem wir in den letzten zwei Sitzungen die Rolle der Digitalisierung im Gesundheitswesen thematisiert hatten, haben wir uns heute dem Lebensbereich ‘Arbeitswelt’ zugewidmet. Home-office, e-work, Industrialisierung 4.0 sind Anwendungskontexte der Digitalisierung, die sich durch die Corona Pandemie noch schneller in unsere Lebensrealitäten etablieren konnten. Das Highlight der heutigen Sitzung war unser Gastvorleser Dr. Ties van de Werff von der Universität Maastricht, der per zoom von dem “Niederländischen Epizentrum Gemeert”, wie er selber halb-scherzhaft halb-ernst, seinen aktuellen Standort verriet. “Es ist schön bei euch in Deutschland zu sein!” wirf er im ersten Satz in unsere Seminarrunde, welches in genau einem Satz an die Doppelpräsenz unserer digitalen Arbeitswelt anspielte. Vergnügt glucksten einige Studierende, denn tatsächlich schien es vorher allen egal, wo wir uns örtlich befanden, so lange wir als Gruppe unsere Lehre veranstalteten. Die Anwesenheit eines Gastvorlesers hat erst verdeutlicht, dass die online Lehre neue Möglichkeiten bietet, die wir in den pre-online Lehrveranstaltungen so einfach nicht hätten nutzen können.

Dr. van de Werff führte uns mit einer spielerischen Leichtigkeit durch das komplexe Kapitel “A monk at the Office: stress and the mindful brain in the workplace” aus seiner, man muss sagen, brain-blowing Dissertation “Practicing the plastic brain: Popular neuroscience and the good life” (2018), und veranschaulichte wie Werte und Weltanschauungen des Guten Lebens (good life ethics) nicht nur in der Antiken griechischen Philosophie eine Rolle spielten, sondern immer wieder in unsere Leben einkehren. Neurowissenschaften versprechen durch Praxen wie Mindfulness und Meditation ein glücklicheres und produktiveres Arbeitsleben. In seiner Dissertation wird hartnäckig hinterfragt: was bedeutet ‘Berufung’ und wie hat sich die Rolle und Funktion der Arbeit über all die Jahre bis hin zur Digitalisierung gewandelt vom Sklaventum zum heutigen Identitätssprungbrett? Durch die historische Skizzierung wurde Studierenden auch schnell klar, dass der erneute Umbruch der Industialisierung 4.0 nicht nur unsere Rolle als Arbeitende verändern wird, sondern auch den Umgang damit erneut herausfordert.

Dass technologische Fortschritte nicht immer ihre anfänglichen Versprechen halten merken wir retrospektiv: die Spülmaschine hat nicht ‘mehr Zeit’ im Haushalt verschafft, sondern Arbeiten wurden besser delegiert. Aber wehe, etwas fällt aus, geht kaputt, dann ist aus der “Arbeitsdelegation” eine “Arbeitswucht” entstanden, in dem das Individuum meist plötzlich alleine vor der Herausforderung und der Bewältigung der Aufgaben steht. In Practicing the plastic brain (2018) hinterfragt Dr. van de Werff kritisch den politischen Kontext des neo-liberalen Kapitalismus, der eine bestimmte Anforderung auf die Individuen stellt, um so Arbeitenden zwar neue Möglichkeiten zu verschaffen um ‘besser arbeiten zu können’, jedoch diese quasi symptombehandelnd nur noch mehr auf sich selber stellt. Angebote wie Meditation werden in modernen Arbeitskontexten gestellt,um besser mit dem Stress umgehen zu können, so das Versprechen.

Tatsächlich, in verheissungsvollen Zeiten der Digitalisierung und den zunehmend verschwimmenden Grenzen zwischen dem Privat- und Arbeitsleben (think: home-office, work anywhere anytime) ensteht mit der errungenen Flexibilität auch eine neue Dimension des Stressumfangs und die Anforderungen diese eigenständig bewältigen zu können: “Instead of making our working lives easier, the introduction of digital technologies at the workplace, allowing us to respond to our colleagues’ emails during evenings, weekends, and holidays, seems to result in even more work-related stress, now dubbed technostress.” (Brod, 1984; Popma, 2012 in van de Werff, 2018, S.67) 

Soziologische und philosophische Fragen zu der Rolle des Arbeitenden und der Bedeutung der Berufung werden durch die Digitalisierung erneut aufgeworfen. Diese erfordern gesellschaftliche Reflektionen, um qualitativ einordnen zu können: was bedeutet Flexibiliät, Mobiliät und Erreichbarkeit von allen und (fast) allem, für mich als Individuum, digitale NomadIn, Vater/Mutter, Arbeitende, als ein Teil einer wandelnden Gesellschaft? Aber auch: was sagt es über das System und den politischen Kontext aus, in dem die Digitalisierung so oder so (rum) stattfinden kann? Gedankentanken von solch soziologischen und ethischen Debatten equippen uns mit verschiedenen Anwendungsszenarien: wie kann es sonst noch stattfinden? Wo liegen die Gestaltungsgrenzen des sozial Erwünschten im Gegenzug zum technisch Machbaren? Ist die Antwort immer die Sackgasee: Capitalism decided? Reflektionen über stattfindenene Digitalisierungsdebatten und daraus resultierende neue Konzepte helfen uns Vokabulare zu finden, um besser beschreiben zu können, was wir nicht verlieren möchten, und in welchen Rangordnungen Verantwortungen der Individuen zu verteilen sind.

Lektüre:

Arbeitsrechte.de: Home-Office: Gesetzliche Regelung & Voraussetzungen der Heim-arbeit. URL: https:// www.arbeitsrechte.de/ home-office/ (Stand 01.06.2020)

Kleemann, F., 2005: Die Wirklichkeit der Teleheimarbeit. Eine arbeitssoziologische Untersuchung. Berlin: edition sigma.

Möslein, K. M., Reichwald, R., & Kölling, M. (2011). Open innovation in der Dienstleistungsgestaltung. WSI-Mitteilungen, 64(9), 484-490.

Sass, E., 2019: Mitarbeitermotivation, Mitarbeiterbindung. Was erwarten Arbeitneh-mer? Wiesbaden: Springer Gabler.

Schwarzbach, M., 2016: Digitale Arbeit E-Government Arbeit 4.0. Handlungsmög-lichkeiten von Personal- und Betriebsrat. Regensburg: Walhalla Fachverlag

van de Werff, T. (2018) Practicing the plastic brain: Popular neuroscience and the good life“. Proefschrift.

Weiß A. (online 3.6.2020) ‘Viele Kapitalismen… und doch keine Alternative? Rezension zu “Capitalism, Alone. The Future of the System that Rules the World” von Branko Milanovic’, Soziopolis. https://www.soziopolis.de/lesen/buecher/artikel/viele-kapitalismen-und-doch-keine-alternative/

Wischmann, S., & Hartmann, E. A. (Eds.). (2018). Zukunft der Arbeit-eine praxisnahe Betrachtung. Springer Vieweg.

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